Review: PMDG Boeing 737-700 (MS FS)


Endlich gelandet: Die PMDG-Boeing 737-700

Es hat ein Ende – endlich! Über wohl kein anderes Flugzeug für den Microsoft Flightsimulator wurde seit so langer Zeit so viel geredet, wie über die Boeing 737 von PMDG. Bereits vor dem Release des Simulators haben auch wir über die Absichten der alteingessesenen amerikanischen Addon-Schmiede berichet. Und was wurde nicht alles darüber geredet, geschrieben, geflucht, gebetet. Erst verzögerte sich alles generell, dann gab es Verwerfungen mit MSFS-Entwickler Asobo und die Sorge, das Addon könnte gar nicht mit der gewünschten Systemtiefe erscheinen. Wie auch immer: Der Rummel um die Erweiterung hat PMDG sicher nicht geschadet, schließlich gab es genug Aufsehen. Viel Wirbel – um viel? Das wollen wir mit unserem Review herausfinden.

Das reale Vorbild

Die Boeing 737 ist wohl DAS Verkehrsflugzeug schlechthin (sorry, Airbus-Anhänger). Annähernd 11.000 Exemplare wurden bis heute produziert, seit 1968 die erste Generation in den Liniendienst eintrat. Und das übrigens bei der Lufthansa. Im Jahr 2013 startete und landete statistisch gesehen alle zwei Sekunden eine 737. Ursprünglich als Kurzstreckenflugzeug konzipiert, ist die Maschine heute vor allem auf der Mittelstrecke im Einsatz. Diverse neue Varianten zielen darauf ab, auch weitere Entfernungen zurücklegen zu können.

Eine Boeing 737 der Transavia – im Hintergrund die große Tante 747. (Foto: privat)

Die Geschichte des Flugzeuges ist lang und entsprechend voller Höhen und Tiefen. So richtig lief das Geschäft mit der Ursprungsvariante 737-100 nicht an. Die um zwei Meter verlängerte Version -200 hingegen war ein großer Erfolg und bis 1988 im regulären Dienst. Als in den 1970er Jahren die Bestellungen einbrachen, hätte Boeing das ganze 737-Programm beinahe nach Japan verkauft. Bekanntlich kam es anders.

Nach Jahrzehnten großen Erfolges brachten 2018/2019 zwei Abstürze innerhalb weniger Monate wegen eines fehlerhaften Assistenzsystems dann sogar den Gesamtkonzern an den Rand des Untergangs. Die Version MAX 8 blieb gezwungener Maßen fast zwei Jahre am Boden und rüttelte arg am Vertrauen in den Flugzeugbauer aus dem US-Bundesstaat Washington.

Inzwischen spricht man von vier Generationen des 737. Zu dritten, der “Next Generation”, zählt das nun erste veröffentlichte Addon von PMDG, die 737-700. Sie ist die erste NG-Variante, die 1996 ihren Rollout hatte. Das 33,6 Meter lange Flugzeug war als Antwort auf die A320 von Airbus gedacht und vereinte viele moderne Systeme aus anderen Boeing-Baureihen. Auch Winglets waren an diesen Maschinen einige Zeit später zu sehen. Fly-by-wire wie bei Airbus sucht man bei diesen Boeings jedoch weiter vergeblich.

Mit fast 5000 Auslieferungen ist die größere Variante 737-800, kurz 738, die bislang erfolgreichste der Boeing 737. Diese sowie die Versionen -600 und -900 will PMDG im Laufe der kommenden Monate ebenfalls noch herausbringen.

737-800 von Ryanair. Lange Zeit das einzige Muster, das die irische Airline besaß. (Foto: privat)

Kauf, Installation, Lieferumfang

Erhältlich ist das Addon bislang ausschließlich über die eigene Website vom PMDG. Demnächst soll das Flugzeug auch im Ingame-Store des MSFS zu kaufen sein. Aktuell (Mai 2022) fallen gut 70 Euro dafür an – ein um 5 US-Dollar vergünstigter Startpreis. Spätestens mit dem Release der 737-600 wird der reguläre Preis verlangt werden.

Um den Kauf tätigen zu können, benötigt man zunächst einen Account bei PMDG. Soweit, so üblich. Nach dem erfolgten Kauf gibt es mitunter jedoch einen ersten Fallstrick, über den wir von simflight.de auch gestolpert sind. Um den Download des gekauften Addons zu starten, bekommt man zusätzlich zum für die spätere Installation benötigten Aktivierungscode einen kurzzeitigen Freischaltcode. Dieser wird separat an die Mail des Account-Besitzers verschickt. Nun kann es passieren, das nach der Eingabe dieses Codes das ganze Prozedere erneut beginnt. Eine Google-Suche nach dem fünften Versuch verrät, dass das oft mit dem benutzten Browser zusammenhängt. Bei Chrome beispielsweise öffnet sich das Download-Fenster, das Firefox uns verweigerte. Hier würde ein entsprechender Hinweis uns Ärger und dem Support Arbeit ersparen.

Die Zip-Datei ist etwas unter 2 Gigabyte groß und beinhaltet nichts weiteres als einen Installer. Nachdem dieser ausgeführt wurde, liegt das Flugzeug startbereit 5,22 GB schwer im Community-Ordner. Direkt daneben liegt ein eigener Ordner für Liveries. Hier unterscheidet sich das PMDG-Produkt grundsätzlich von vielen anderen Addons. Liveries werden nicht einzeln ins Community-Verzeichnis geschaufelt, sondern über ein mitgeliefertes Tool verwaltet.

Die Liverie-Verwaltung des PMDG OpsCenters

Dieses nennt sich PMDG OpsCenter und ermöglicht neben der Installation diverser bereits angebotener Liveries sowie von anderswo heruntergeladenen Anstrichen auch die Überprüfung auf Updates. Da PMDG-Chef Robert Randazzo bereits davon sprach, alle zwei Wochen Service-Updates zu veröffentlichen, lässt sich mit dem OpsCenter hoffentlich Schritt halten.

Wir sprachen soeben von “dem Flugzeug”, was nicht ganz richtig ist. Denn das Produkt beinhaltet eigentlich drei Maschinen: Neben der Passagierversion gibt es noch den Geschäfts- und Privatflieger BBJ (Boeing Business Jet) mit entsprechender luxoriöser Innenausstattung sowie die Variante BDSF. Das hat nichts mit besonderen Praktiken im Schlafzimmer zu tun, sondern ist eine Cargo-Version der -700, die seit 2016 von Israel Aerospace Industries (IAI) entwickelt wird (es handelt sich um Umbauten früherer Passagierjets). Die Cockpits unterscheiden sich bei allen Varianten nicht, aber es stehen unterschiedliche Optionen im FMC zur Verfügung. Dazu später noch mehr.

In diesem Zuge sei noch gesagt, dass PMDG ein übersichtliches Kurz-Handbuch in PDF-Form beigepackt hat, das unter anderem die erwähnten zahlreichen Optionen in der Gestaltung der Flieger, ihrer Ausstattungen und Betriebsoptionen erklärt. Was allerdings etwas nebulös bleibt ist der im Handbuch auch angesprochene Tutorial-Flug. Im Windows-Startmenü existieren nach der Installation neben dem Link zum Manual auch zwei Einträge zu Tutorial-PDFs – mittlerweile gibt es das Tutorial-PDF im Dokumente-Verzeichnis, aber der Link geht trotzdem noch nicht. Zu den Handbüchern später auch noch mehr.

Eine unserer Testmaschinen am Flughafen Schiphol

Optik-Check: Außenmodell

Nach einer etwas längeren Ladezeit bei allerersten Startup – das kennt man vielleicht schon von Aerosofts CRJ und betrifft alle der drei 737-Varianten – steht sie also tatsächlich auf dem Rollfeld des Amsterdamer Airports Schiphol: Eine 737-700 der KLM im MSFS. Bevor wir uns aber auf den Kapitänssessel setzen, steht erst einmal ein ausgiebiger optischer Walk-Around auf dem Plan.

Gleich beim bekanntlich wichtigen allerersten Eindruck ist klar: Das ist ein verdammt hübsches Flugzeug-Addon. Die Form ist klar erkennbar und überzeugt, es gibt offenbar keine unschönen Kanten oder “eckige” Rundungen. Die Nachmittagssonne reflektiert herrlich auf dem eigentlich viel zu sauberen Rumpf. Im Licht werden einzelne Nieten sichtbar und an einigen Stellen sind kleine Furchen an Verbindungsstellen von Teilen zu erkennen. Die gehören da auch hin und sind kein schlecht gemanschtes Texturenkleid.






Nachdem sich die erste Ehrfurcht gelegt hat, treten wir näher heran. Auch hier gibt es sehr viel Licht und nur sehr wenig Schatten. Wenn wir schon davon sprechen, fangen wir gleich mit den kleineren Unschönheiten an. Am Rumpf über den vorderen Türen gibt es feine Leisten, die aber im Gegensatz zum Rest sehr grob pixelig sind. Es mag vielleicht noch an den Anti-Alias-Einstellungen liegen, die zugegeben nicht auf “Ultra” stehen. Doch da der Rest drum herum sehr viel besser aussieht, wundert es ein wenig. Auch das Profil der Reifen ist eher grob texturiert und die Auslässe der Triebwerke (Düsen) sehen auch irgendwie nicht richtig aus. Das ist Mäkeln auf extrem hohen Niveau, aber es sei erwähnt.



Da wir schon bei groben Texturen sind, an dieser Stelle ein Einschub: Wirft man einen Blick in den Fahrwerkschacht, so sieht man, dass das Gewirr aus Rohren und Leitungen nur platte Texturen sind. Mein Gott, PMDG! Wie könnt ihr nur? Regelmäßig lege ich mich auf mein Rollbrett, rutsche unter meine Flieger, knips die Lampe an und blicke in den Schacht. Und dann sowas! Ironie aus – uns würde das vollends reichen und wenn der Blick wirklich mal hineinfällt, ist das schon sehr gut gelöst. Dennoch: PMDG kündigte schon an, dass in einem der kommenden Updates der Fahrwerkschacht eine komplette 3D-Gestaltung verpasst bekommen soll. Hut ab vor soviel Einsatz, solange das nichts an der Performance ändert.


Zurück zum Walk-Around und dem eigentlich hervorragenden Aussehen. Die winzigen Waben am Triebwerkseinlass sind erst beim genauen Hinsehen als solche zu erkennen. Auch kleine Beschriftungen sind fast ausschließlich scharf und somit gut lesbar. Das Metall der Vorflügel sind einfach spitze aus, hat lauter feine Kratzer und blass erkennbare Nieten unter der polierten Oberfläche. An den Fensterscheiben sind kleine Flecken und ebenfalls kleinste Kratzer zu sehen – nicht an jedem Fenster, was es nicht langweilig macht. Unten am Rumpf sind feine Öl- und Schmierstoff-Schlieren zu sehen. Und auch Feinheiten wie winzige Leitbleche auf der Flugzeugnase und am Heck sowie Pitot-Röhren und andere Sonden sind vorhanden.



Ein erster kleiner Testflug von Schiphol nach Brüssel offenbart dann auch andere Perspektiven. Hier möchte man immer wieder in die Außenansicht gehen, um die Reflextionen auf den sich im Flug biegenden Tragflächen zu beobachten – wobei der Wingflex ein wenig zurückhaltend zu sein scheint. Im Landeanflug fällt der Blick auch auf die wunderschönen Landelichter, die optional auch als LEDs gestaltet sind (auch das lässt sich im FMC verstellen) und bei denen jeder einzelne Spot zu sehen ist. In voller Konfiguration kommen auch die Flaps voll zur Geltung, die ebenfalls abgenutzt und ölverschmiert daherkommen. Das alles ist einfach toll!






Optik-Check: Cockpit und Kabine

Genug über das Äußere geschwärmt, ab ins Cockpit. Der erzählerischen Dramatik wegen – Höhepunkt am Schluss – starten wir den inneren “Look-around” allerdings in der Kabine. Auch die wurde gestaltet und ist in zwei Varianten vorhanden: Als durchgehende Economy mit bis zu 149 Sitzen oder mit Business und Economy mit dann 138 Sitzen. Das – man ahnt es schon – ist ebenfalls über das FMC wählbar und hat sogar Auswirkungen auf die Gewichtsparameter.



Rein optisch haut einen die Kabine jedoch nicht vom Stuhl, “grundsolide” wäre eher ein brauchbarer Begriff. Das mag vielleicht manchem hart erscheinen, gibt es doch nicht einmal bei jedem MSFS-Flugzeug eine Kabine. Doch es wirkt irgendwie recht steril. Die Sitzpolster sind langweilig dunkel texturiert, keinerlei Werbeaufkleber oder Beschriftungen an den Rückseiten der Sitze, Netze mit Airline-Magazinen oder Safety-Card fehlen auch. Die Anschnallzeichen sind auch nicht zu erkennen und dabei reden wir nicht davon, dass sie funktionieren sollen. Im Heckbereich gibt es immerhin eine Galley, die sehr passabel geworden ist. Alles in allem auch hier wieder Meckern über Kleinigkeiten, aber wenn man sich schon dazu entschließt, mit einer Kabine Leben in der Flieger zu bringen, dann doch gern mit etwas mehr Verve.

Traum-Arbeitsplatz

Wie das geht, zeigt wiederum das Cockpit; und das ist nur fair, schließlich halten wir uns hier die meiste Zeit auf. Und ja, was ist das eine Freude, hier zu sitzen. Wir nehmen Platz auf diesen typischen Lammfellbezügen, bei denen man schon beim reinen Anblick zu schwitzen anfängt. Das sieht aber sehr flauschig aus, man spürt förmlich mit den Augen, wie es sich anfühlen muss. Die Patches auf den Seiten der Sitzlehnen sind wunderbar ausgearbeitet; auch hier kommt es sehr überzeugend rüber, dass diese aufgestickt wurden. Nähte und Struktur sind bestens abgebildet. Das Leder auf den Kopfstützen ist leicht abgegrabbelt, das Material ist perfekt wiedergegeben.






Hinter dem FO-Sitz hängt ein Feuerlöscher, auf dem Kontrolldaten handschriftlich aufgekritzelt wurden. Im Durchgang zur Kabine kleben diverse Zettel, die knackscharf zu lesen sind. Und immer wieder entdecken wir kleine Klickspots. In einer Nische hängt eine Sauerstoffmaske, deren Testknopf tatsächlich nach Drücken ein Test-Öffnen des Ventils auslöst. Braucht kein Mensch, ist aber schick. Gleiches gilt für die wegklappbaren Armstützen. Was aber schon ein wenig schade ist, ist der Umstand, dass sich trotz geöffnetem Schloss die Tür zur Kabine nicht öffnen lässt. Wenn jemand andere Erfahrungen gemacht hat, gerne aufklären.






Die eigentlichen Instrumente sind ebenfalls herrlich anzusehen. Die Haptik kommt klar rüber, die Scheiben einiger Anzeigen reflektieren das einfallende Licht, jeder Knopf ist offenbar top nachmodelliert. Die Platten einiger Panels weisen Schlieren oder ganz leichte Dreckspuren auf. Das ist klasse – nur wäre es schön gewesen, wenn auch die Knöpfe selbst Anzeichen von Abnutzung tragen würden. Diese wurden anscheinend alle zur gleichen Zeit erneuert, und diese Zeit liegt wohl noch nicht lange zurück. Alles in allem aber ein herrlicher Arbeitsplatz, an dem man gerne viele simulierte Stunden verbringen möchte – auch, oder ganz besonders, im illuminierten Zustand während Dämmerung oder Nacht.






Schneller Blick auf die Exoten: BBJ und BDSF

Wie erwähnt liefert PMDG mit dem 737-700 Paket zwei eigene Varianten dieses Musters gleich mit. Da deren Cockpits jeweils mit dem der Passagierversion übereinstimmen, ist das Handling nahezu identisch. Vielleicht sind die Gewichtsauswirkungen andere, aber das haben wir in der Tiefe nicht getestet. Daher hier auch nur wenige Worte.Eines davon ist: interessant. Eigentlich sollte es ja fast egal sein, wenn wir vorne fliegen, was hinten drin ist. Und dennoch ist es ein irgendwie anderes Gefühl, wenn statt John Doe oder Omma Kasuppke Promis oder Spitzenpolitiker in unserer Boeing Platz nehmen, theoretisch jedenfalls. Das tun Letztere übrigens auf deutlich ansprechenderen Ledersitzen, als auf den Economy-Stühlchen. Und als würde sich PMDG der fiktiven Klientel anpassen, ist die Kabine des BBJ (Boeing Business Jet) auch liebevoller gestaltet, als die Umsetzung der Holzklasse. Dort steht ein Obstkorb, hier frische Tasse Kaffee und daneben ein Teller mit Teilchen; pardon, Croissant. Und ein Laptop mit Aufklebern drauf steht auf einem der Gruppentische. Warum denn nicht auch so detailverliebt in der Economy?






Ansonsten unterscheidet sich der BBJ wie gesagt kaum von der “normalen” -700. Einzig außen auffälliges Merkmal: Die Scimitar Wings statt der üblichen Winglets. Die sehen gewöhnungsbedürftig, aber original aus – in der Realität sind die Dinger es eben auch ein wenig.

Mehr Unterschiede gibt es rein äußerlich natürlich bei der BDSF (Bedek Special Freighter) genannten Cargovariante. Diese hat auf der linken Seite – Backbord – eine große Flügeltür, wie es sich für einen Frachter gehört. Die große Klappe riskiert der BDSF auch erst dann, wenn genug Saft fließt. Soll heißen: Nur auf eigener Batterie laufend lässt sich die Ladeluke nicht öffnen. Mindestens Groundpower oder mehr muss vorhanden sein, sonst regt sich nix. Klingt so, als sei das in der Realität auch so, denn dass mehr Kraft benötigt wird, macht durchaus Sinn.



Beim Groundhandling gibt es auch einige wenige Unterschiede, da der BDSF mit einem passenden Loader bestückt wird. Dieser fährt zwar korrekt an die Luke heran – Frachtcontainer werden aber offenbar nicht mit animiert. Zumindest war nach einigen Minuten, nach denen der Loading-Vorgang per FMC gestartet wurde, immer noch nichts anderes zu sehen, als die Jettainer, die bereits im fensterlosen Frachtraum verstaut sind.

Die FMC-Optionen: Entdecke die Möglichkeiten

Um den Teil der optischen Checks des Addons abschließen zu können, müssen wir – wie auch schon angekündigt – an dieser Stelle schon kurz über das FMC des Fliegers sprechen. Dabei geht es gar nicht um die wirkliche Bedienung, sondern um die drölfzig Wahlmöglichkeiten in Bezug auf Zusatzequipment, Sonderausstattung oder persönliche Vorlieben. Da PMDG (noch) kein EFB mitgeliefert hat, sind sie einen anderen Weg gegangen, um ein wahres Füllhorn an Optionen über den Nutzern auszugießen: Nämlich über spezielle Untermenüs des FMC.

Selbst bei völliger Cold-and-Dark-Dunkelheit lassen sich per Druck auf den “Menu”-Knopf am FMC die Unterbereiche “PMDG Setup” und “FS Actions” anwählen. Während Letzteres einen Haufen von Aktionen wie Betankung, Jetway-Verbindung, Wartungsfahrzeuge, Türensteuerung etc. pp. bedient, steuert der erste Bereich die verschiedenen Zustände des Fliegers. Es lässt sich festlegen, in welchem Status das Flugzeug beim Start-Up geladen wird bzw. in welchen es jetzt versetzt werden soll. Beispiele: Cold-and-dark, Engine startup, Ready for Taxi, Approach uvm.



In den Untermenüs verstecken sich unter anderem aber auch die erwähnten optischen Anpassungen. So können wir wählen, ob es das Heads-Up-System im Cockpit gibt oder nicht, ob die Piloten-Sitze Kopfstützen haben (für jeden Sitz einstellbar), ob es die berühmten “Eyebrow-Windows” noch gibt, die eigentlich inzwischen abgeschafft wurden, ob wir eine Honeywell- oder Collins-Autopilotensteuerung nutzen wollen, welcher Typ WLAN-Antenne auf das Dach geschraubt wird, wie unsere Displays aussehen und welche Funktionen sie wie anzeigen, welches Lichterpaket es gibt, und, und, und, und ,und….. (puh, erstmal durchatmen!)

Kurz gesagt: Die Optionsvielfalt erschlägt einen. Das ist auf der einen Seite höchst bemerkenswert und von bisher ungeahntem Umfang – auf der anderen Seite ist es auch ziemlich überfordernd. Hier bleibt zu hoffen, dass die Absicht, ein EFB zu implementieren auch wirklich und gerne zeitnah umgesetzt wird. Darüber ließe sich eine solche überbordende Vielfalt hoffentlich besser strukturiert wiedergeben, als mittels Menüs mit teils 15 Unterseiten im schlichten FMC-Design, wie es aktuell der Fall ist. Dennoch: Hut ab vor den Möglichkeiten!

Und wie fliegt sie sich nun?

Während mein Kollege Patrick jetzt im wohlverdienten Sommerurlaub weilt übernehme ich (Patrick Seiniger) ab hier mal den Staffelstab.

Sie fliegt sich eigentlich so wie immer, aber halt im neuen Glanz! Und das ist toll. Die PMDG 737 ist vermutlich das Flugzeug, auf dem ich simulatorübergreifend die meisten Flugstunden habe. Das mag einigen von euch auch so gehen, andere haben möglicherweise durch den Microsoft Flight Simulator 2020 überhaupt erst zu diesem Hobby gefunden und fragen sich nun, ob das alles nicht zu komplex ist.

Meine Antwort dazu wäre: ja, es ist komplex, aber es ist machbar, gerade mit einem Flugzeug-Addon von PMDG. Der Tutorial-Flug ist nämlich so beschrieben, dass man nicht nur gezeigt bekommt, auf welche Knöpfe geklickt werden muss, sondern auch erklärt wird, warum, und was dann passiert. Das hat mich bei PMDG schon immer begeistert. Übrigens steht die Abkürzung für “Precision Manuals Design Group”, das Handbuch steht also schon im Namen. Und abgesehen davon kann der Flieger auch halbwegs realistisch bewegt werden, ohne durch eine komplette Flugplanung zu gehen. Als Beispiel zeige ich euch mal die Schritte, um halbwegs automatisiert von Köln nach Innsbruck zu kommen:

Beispiel: Schritte für einen kurzen Feierabendflug

Die Flugplanung im MSFS auf dem Welt-Bildschirm können wir dazu getrost vergessen, wichtig sind eigentlich nur die Windrichtungen, und ab ins Cockpit. Das Flugzeug lädt bei mir standardmäßig im Zustand Turn-Around, das bedeutet, wir stehen am Gate und übernehmen ein von Kollegen hierher geflogenes Flugzeug, bei dem beispielsweise die Stromversorgung schon eingestellt ist, die IRUs (grob gesagt Positions- und Lagesensoren mit hoher Genauigkeit) schon initialisiert sind und damit eigentlich nach dem Programmieren des Fluges schon die Türen geschlossen, der Flieger zurückgedrückt, Triebwerke gestartet und losgezogen werden kann.

Nun gilt es, Beladung (zum Beispiel zufällig ausgewählt) und Treibstoff (etwa 1/3 des maximalen Treibstoffs soll uns für den kurzen Flug genügen) auszuwählen. Das geht komfortabel auf der Konsole des Flight Management Computers, der sogenannten Central Display Unit, rechts neben dem Pilotensitz. Dort einmal auf “Menü”, dann auf “FS Actions” klicken. Hier gibt es “Payload” und “Fuel”, mit denen genau das eingestellt werden kann, und zwar idealerweise bevor wir uns ans Eingeben der Flugdaten in den Flight Management Computer machen – denn nur so werden die Eingaben zu Beladung und Treibstoff direkt berücksichtigt. Ist das geschehen, können die Grundeinstellungen über “Menü” und “FMC” vorgenommen werden, Start, Ziel und Route, dann Abflug- und Ankunftsrouten über die Taste “DEP ARR”. Nach Eingeben der Route geht es zur Eingabe von Abfluggewicht, Treibstoff, Flughöhe und dergleichen. Das Schöne hierbei: Werte müssen nicht aus Tabellen abgelesen werden, sondern es reicht, zum Beispiel bei ZFW (Zero Fuel Weight) auf die entsprechende Taste zu drücken, dann erscheint der passende Wert wie von Zauberhand und lässt sich durch erneutes Tippen eingeben. Toll, und bei weitem nicht Standard. Das gilt sinngemäß auch für die Schwerpunktlage und die Abfluggeschwindigkeiten.


Leider wird die Flugplanung im MS FS nicht übernommen, die haben wir uns daher auch einfach geschenkt. Für einen schnellen Flug empfehle ich, einfach zwischen dem letzten Wegpunkt des Abflugs und dem ersten Wegpunkt des Anflugs direkt zu fliegen – wir können ja annehmen, der Tower hätte uns das aufgrund von zweijähriger Verspätung erlaubt. Für Cracks wiederum wird in der Dokumentation besprochen, wie Flugpläne und Wetterdaten aus SimBrief übernommen werden können, damit es mit der Realitätsnähe noch besser wird.

Bei meinem Sonntagsflug heute habe ich die Schritte übrigens in 11 Minuten zwischen Einsteigen ins Cockpit und “Blocks off” hinter mich gebracht, ein paar Minuten später war ich schon in der Luft.

Unterschiede zur PMDG 737 NGX, Performance, Bedienung

Und was hat sich jetzt geändert gegenüber alten Versionen der 737NG von PMDG? Schön finde ich einen gewissen Grad an Automatisierung. Sobald die wheel chocks (Unterlegkeile) per FS Actions-Menü entfernt werden verschwindet auch die Ground Power Unit, die Airstair wird entfernt, die noch offenen Türen, auch die Cargo Door, schließen sich. Früher bin ich gerne mal mit offenen Cargo Doors durch Deutschland geflogen, das passiert hier nicht mehr.

Die Bedienung über die Central Display Unit finde ich tatsächlich sogar besser als die Bedienung über ein Tablet, wie es heute ja in vielen anderen Flugzeugen hipp geworden ist: Es bricht die Immersion nicht, und es ist nicht leistungshungrig. Und es funktioniert übrigens auch in VR ziemlich gut, auch mit Controllern.

Auf dem Weg zur Startbahn ein kurzes Wort zur Performance: Ja, die PMDG 737 sieht unfassbar gut aus, auch im Cockpit, auch in VR. Es gibt viel zu entdecken, auf meinen ersten Flügen ist mir zumindest nicht langweilig geworden. Schalter, Knöpfe und dergleichen sind toll modelliert. Die Spiegelung in den Seitenfenstern sieht gut aus, und in VR kann man nahe an die Scheibe herangehen, ohne dass sie direkt verschwindet – zumindest näher als bei anderen Flugzeugen. Allein vom Lammfell bin ich noch nicht wirklich überzeugt. Aber: das bringt leider einige Leistungseinbußen mit sich, zumindest in meinem System (man könnte jetzt argumentieren, dass ich eine Grafikkarte von 2018 verbaut habe, allerdings läuft das bei der aktuellen Marktsituation immer noch etwas ins Leere). Ich habe direkt die Displays auf der Copilot-Seite abgeschaltet und meine globalen Einstellungen ziemlich runtergeregelt, so habe ich in VR zumindest im Flug ziemlich stabile 45 FPS – wenn ich dann aber Richtung Cockpit schaue geht es runter auf 30, 35 FPS. Es hält sich alles im Rahmen, und – wie gesagt – ich werde ja mit einem unfassbar toll aussehenden Cockpit entschädigt. Und ohne es probiert zu haben: Außerhalb von VR habe ich all diese Probleme sicher nicht.

Die generelle Bedienung mit VR-Controllern leidet darunter, dass ich bisher keine Möglichkeit gefunden habe, einen Rechtsklick zu machen, das ist aber vermutlich eher ein MS FS-Problem als eins von PMDG. Oftmals klappt es ganz gut, den Controller in einem etwas anderen Winkel an Dreifachschalter zu halten, und im Zweifel hilft die Maus, zum Beispiel die PACKs (Klimaanlage) nach Triebwerksstart wieder zu aktivieren. Man gewöhnt sich dran.

Da wir noch beim Taxeln sind: PMDG hat übrigens eine Wahlmöglichkeit für die Vorderradsteuerung vorgesehen. Standardmäßig lässt sich der volle Einschlagwinkel von +/- 75° durch die Ruderpedale einstellen (übrigens unter Berücksichtigung von Schräglauf, der Fahrzeugingenieur freut sich ein wenig darüber, dass der MS FS endlich ein realistisches Reifenmodell zu bieten scheint, allen anderen ist es vermutlich egal), wahlweise kann aber auch die Prop-Achse (nicht die Tiller-Achse, da scheint es noch Probleme zu geben) für die Steuerung des Rades genutzt werden, dann bleiben durch Ruderpedale nur noch +/- 7° steuerbar. Das hilft natürlich beim Startlauf, nicht zu sehr instabil über die Landebahn zu eiern.

In der Luft fühlt sich alles dann sehr vertraut an – letztendlich ist das hier ein Simulationsmodell eines realen Flugzeugs, dass sich ja in den letzten 25 Jahren auch nicht geändert hat. Allein, die Nickachse scheint mir etwas sensibel zu sein, etwas mehr, als ich das von FSX und P3D kannte. Alles andere bleibt gleich, Cruise, Descent, Landing. Die Parametrierung der Flugregler (darüber hatte ich mich in meinem Review zur MD-11 beschwert) ist hier übrigens kein Problem, da steckt ja auch Erfahrung von sicher 15 Jahren drin.

Dokumentation

Ich hatte es oben schon erwähnt: PMDG zeichnete sich bisher durch toll gemachte Handbücher aus, die man auch gerne liest, weil die keine simple Aneinanderreihung von Screenshots von Schaltern sind, wie man es leider oft findet. Nicht nur ist der Tutorialflug gut beschrieben, so dass wir nach absolvieren auch in der Lage sind, zu verstehen, was wir da gemacht haben, auch das eigentliche Handbuch, das sich etwas untertreibend “Introduction” nennt ist gut gemacht. Es beginnt mit allen Aspekten der Installation und Bedienung, endet mit einem großen Kapitel über Fehler, die eingesteuert werden können, und enthalt dazwischen für mich ein Highlight:  Eine Liste mit Fragen und Antworten, die man sich stellt, während man sich das Flugzeug erschließt. Das führt zu vielen Aha-Effekten! Lustigerweise nennt sich das Kapitel “Die 737 hat nicht das gemacht, was Du Dir gedacht hast?”. Außerdem gibt es eine “Details and Quirks”-Section, die viele Details anspricht, bei denen das Original unzulänglich ist, und außerdem noch ein Kapitel mit Hinweisen von Usern für User (“Was das Beta-Tester-Team euch wissen lassen wollte”). Leider ist die Zeit der Originalhandbücher, die früher gerne beigelegt wurden, vorbei – aber da ist Google euer Freund, Stichwort FCOM.

Sonstiges

Was mir leider nicht gefallen hat: Das Kistchen ist etwas sensibel und crasht gerne mal aus unerfindlichen Gründen Richtung Desktop – fairerweise muss das aber nicht die Schuld von PMDG sein, und bei den kurzen Updatezyklen, die versprochen wurden, würde ich auch davon ausgehen, dass das bald korrigiert ist. Updates klappen über das PMDG Operations Center.

Fazit

Es ist nicht die Frage ob ihr die 737 von PMDG kaufen solltet – das solltet ihr tun, denn wie schon vorher auf anderen Plattformen ist der Flieger die Referenz für Verkehrsflugzeuge im Microsoft Flight Simulator. Es ist eher die Frage, welche Version ihr braucht, denn Bundles gibt es nicht mehr.

Jedenfalls ist die PMDG 737 für MS FS ein Add-On, das alle Nicht-Atari-Piloten getrost kaufen sollten: Gewohnte Qualität von PMDG in Umsetzung, optisch und fliegerisch, Dokumentation (und damit auch für Einsteiger gut geeignet! Englisch solltet ihr aber schon rudimentär beherrschen) und Liebe zum Detail. Und wem die 75 € zu teuer erscheinen, der kann auf die in den nächsten Tagen erscheinende -600 warten; die war zumindest mal kommuniziert mit 50 $.

Informationen

Pro
Contra

Liebe zum Detail
Ausgezeichnete Optik innen und außen
Exzellente Simulation einer Boeing 737
DAS Referenzflugzeug für Boeing-Fans

Passagierkabine etwas steril
Cockpit zwar unfassbar detailliert, aber dafür auch performancehungrig (und es gibt kaum Möglichkeiten, die Details zu verringern)
Teilweise Abstürze

Testsystem

Entwickler: PMDG
Preis: 74,99$ (derzeit 69,99$)
Kauf: PMDG

Patrick S:
AMD Ryzen 5 5600X @ Stock Speed
Oculus Rift CV 1
GeForce GTX 1080, 8 Gb
Windows 10×64, 32 Gb Hauptspeicher
Diverse SSD

Patrick T:

AMD Ryzen 5 1500X Quadcore, 3,5 GHz
GeForce GTX 1050 Ti, 4 GB
Windows 10×64, 32 GB Hauptspeicher

Dr. Patrick Seiniger, Patrick T.

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